Tage mit Baby können lang sein.

Vor kurzem hat mir eine Kollegin – selber bereits Mutter – von ihrer Elternzeit berichtet und es mit dem Sprichwort „Tage mit Baby sind lang. Jahre kurz!“ zusammengefasst. Das unterschreibe ich nach fast 3 Monaten Mamaleben sofort. Mavie ist die große Liebe und dennoch sind manche Tage wirklich ein Kampf für Nerven und Gemüt (besonders nach kurzen Nächten). Ein paar Mal wurde mir bereits scherzhaft gesagt, dass ich froh sein kann, Zuhause zu sein. Froh? Natürlich bin ich froh und glücklich, die ersten wichtigen Monate im Leben unserer Tochter intensiver als jeder andere mitzuerleben. Und dennoch gibt es Tage, an denen ich gerne wieder arbeiten würde, um nicht in der sozialen Isolation zwischen Mullwindeln und Dreckwäsche zu enden 🙂

Diese Woche war es wieder soweit. Die Sonne schien, der Himmel war strahlend blau, die Temperaturen zweistellig -> perfektes Wetter also für einen Spaziergang mit Kinderwagen am Bodensee. Soweit die Theorie. In die Praxis sah es dann anders aus.

Die Tage beginnen grundsätzlich gleich: Schnelles Frühstück. Noch schnellere Dusche – immerhin MIT Haare. Anziehen. Schminken – ja, muss sein; die Augenringe sind mittlerweile wirklich fies. Mini-Me aus dem Bett holen und stillen. Artig Bäuerchen rausklopfen und noch eine Weile warten. Dann die Kleine waschen, wickeln und anziehen. Folge: das erste Mal Gebrüll. Anziehen ist seit ein paar Wochen eine Katastrophe und wird in 99% der Zeit mit lautem Protest und dicken Tränen kommentiert. Also beeilen, dann hochnehmen, trösten, sachte den Kopf streicheln. Der Protest verebbt. Innerlicher Jubel auf meiner Seite. Der endet, als mit einem soliden Bäuerchen die Hälfte der letzten hart erarbeiteten Stillmahlzeit auf uns landet. Also noch einmal von vorne. Mavie schreit – scheinbar findet sie das Gespucke ebenso ekelhaft wie ich. Ausziehen, waschen, neue Kleidung anziehen. Gilt für beide. Einziger Unterschied: ich schreie dabei nicht (man gewöhnt sich an alles). Das Schreien übernimmt wieder Mavie, als ich ihr die nasse Kleidung aus- und trockene Kleidung wieder anziehe. Danach erneut trösten. Nun gefahrlos. Da kann definitiv nichts mehr kommen.

Schnell Jacke und Schuhe angezogen, Mavie geschnappt und ab zum Kinderwagen. Stressfrei sieht anders aus, aber zwischen den Stillmahlzeiten bleiben aktuell nur 3h, von denen wir ja mittlerweile 1h mit an- und ausziehen vertrödelt haben und da ich Stillen am Wegesrand vermeiden möchte, ist gutes Timing die halbe Miete. In Windeseile den Kinderwagen vorbereiten – einhändig, denn mit dem anderen Arm wird das Baby jongliert. Schnell zudecken, die Mütze aufziehen und losfahren. Erneuter Protest. Ja, Mützen sind mittlerweile auch doof. Für „keine Mütze“ ist es aber definitiv zu kalt, da muss Mavie jetzt durch (ebenso wie ich). Der Protest steigert sich. Auch die sonst heißgeliebten Pflastersteine helfen heute nicht. Ich gehe schneller und schneller und verfalle bald in solides Walking-Tempo, während ich parallel versuche, den Kinderwagen rhythmisch zu schaukeln. Hilft meistens – heute nicht. Ein kurzer Blick in den Kinderwagen zeigt: eigentlich alles in Ordnung. Eigentlich. Denn der Protest verebbt nicht. Mittlerweile dezent gestresst und schweißgebadet – vom Rennen und Schieben und Stress – nehme ich die Abzweigung Richtung Bodensee in der Hoffnung auf baldige Ruhe.

Es nützt nichts. Nach ein paar weiteren Metern muss ich anhalten und Mavie aus dem Kinderwagen nehmen. Das Gebrüll verstummt sofort und macht einem seeligen Glucksen Platz. Zumindest ist nun klar: ihr fehlt nichts Ernstes. Ein paar Meter trage ich mit rechts meine Tochter und schiebe mit links (in Schlangenlinien) den Kinderwagen. Wage es dann, die Kleine wieder in den Wagen zu legen. Das Gebrüll startet schon, ehe ihr Rücken überhaupt das Innere des Wagens berührt. Ich versuche es dennoch und starte mit schaukelndem Schnellgang durch. Ohne Erfolg. Da ihre Gesichtsfarbe mittlerweile der Farbe eines guten Rotweins ähnelt (das dauert im Durchschnitt 10 Sekunden) nehme ich sie wieder raus und versuche, uns beide zu beruhigen.

Während ich tief durchatme, ertönt es neben mir laut „Ja, mei – das Kleine hat Hunger. Musst es auch mal füttern und nicht schreien lassen. Wisst ihr denn heute gar nicht mehr, wie man Kinder groß bekommt?“ Diesen hilfreichen Kommentar verdanke ich einem Herrn älteren Semesters, der auch gleich Kopfschüttelnd weitergeht und mich sprachlos stehen lässt. Hunger?! Wenn des Rätsels Lösung doch nur so einfach wäre. Wir gehen nach Hause und tauschen Kinderwagen gegen Trage. Mavie freut sich. Mama auch. Der Spaziergang am See wird dann doch noch sehr schön und friedlich – ohne Gebrüll und weitere ungebetene Kommentare.

Und dann kommt alles anders.

Am 27. Dezember 2018 stand die Welt um 12.17h für uns für einen Moment still, als sich unsere Tochter Mavie mit ihrem ersten kraftvollen und energischen Schrei mitten in unsere Herzen katapultierte. Morgen ist Mavie schon drei Wochen bei uns und während sie gerade ein Vormittagsschläfchen macht, habe ich das erste Mal Zeit, ein paar Zeilen zu schreiben und für mich ein Resümee zu ziehen. Die Redensart „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“ trifft den Nagel für mich ziemlich auf den Kopf.

Natürlich hatte ich einen Plan im Kopf oder zumindest eine Vorstellung davon, wie die Schwangerschaft, die Geburt und auch die ersten Wochen ablaufen würden. Was davon ist eingetreten? Natürlich so gut wie nichts 🙂

Meine romantischen Gedanken in Verbindung mit der Schwangerschaft waren spätestens dann vorbei, als ich würgend über der Kloschüssel hang, dabei Thrombosestrümpfe trug und mein Gesicht von geplatzten Adern gezeichnet war (von meinen Waden wollen wir an der Stelle nicht reden). Meiner Kosmetik sei Dank, konnte ich letzteres zum Glück noch in den Griff bekommen. Sodbrennen, Verdauungsprobleme, Schlaflosigkeit usw. gaben sich irgendwann im Wechsel die Klinke in die Hand. Um ehrlich zu sein, war die Zeit, in der ich richtig gerne schwanger war, verdammt kurz. Vom ersten Tag an habe ich mich auf mein Kind gefreut und konnte es kaum abwarten, Mavie endlich in meinen Armen zu halten.. aber der Weg dahin war aus meiner Sicht recht mühsam.

Die Ärzte und mein Bauchgefühl prophezeiten mir, dass es vermutlich vor dem errechneten Entbindungstermin losgehen würde. Ich war nicht böse, denn gerade gegen Ende wurden die Beschwerden massiver und ich war es einfach leid, schwanger zu sein. Es kam wie es kommen musste.. Mavie ließ sich Zeit, meine Nerven langen blank und der Bauch wuchs und wuchs. Schlussendlich entschied man, bei ET+7 (am 27.12) einzuleiten. Auf der einen Seite erleichternd, da nun das Ende nahte, aber als Mutter auch zermürbend. Gedanken wie „Habe ich etwas falsch gemacht?“ kamen automatisch. Dabei hatte ich in den letzten Wochen tassenweise diesen ekelhaften Himbeerblättertee runtergewürgt, überall Zimt oder Ingwer draufgestreut, tägliche Spaziergänge gemacht, ihr gut zugeredet usw. Von Wehen war allerdings weit und breit nichts zu sehen – bis zum Morgen des 27.12. Dickkopf wie die Eltern, machte sich unsere Kleine dann wenige Stunden vor dem geplanten Einleitungstermin doch von alleine auf den Weg, als wenn sie uns sagen wollte „Einleitung? Ohne mich!“

In den Monaten vor der Geburt – man wusste es ja nicht besser – war ich hellauf begeistert von meinem Plan, ohne PDA oder andere Schmerzmittel zu entbinden. Ich hätte lieber meinen Mund gehalten, denn aus meinem Plan wurde dann leider (heute bin ich glücklich darüber) Realität. Als ich die Hebamme unter der Geburt beinahe angebettelt habe, etwas anderes als Buscopan zu bekommen und sie mir Globuli anbot, hätte ich ihr die Kügelchen am liebsten vor Wut an den Kopf geworfen. Rationales Denken unter der Geburt? Fehlanzeige! Gleiches gilt für das Zeitgefühl. Es war schlichtweg zu spät für Schmerzmittel wie eine PDA. Da half nur noch „Augen zu und durch“ – im wahrsten Sinne.

Und auf einmal war Mavie da und machte aus meinem Freund und mir Eltern und aus uns eine kleine Familie. Vielleicht kennen die Eltern unter euch die Frage ebenfalls, die mich in den Wochen vor der Geburt gequält hat: werde ich mein Kind so lieben, wie es das verdient hat? Die Antwort ist: JA!!! Die Liebe kam wie selbstverständlich in dem Moment über mich, in dem ich sie das erste Mal in den Armen hielt. Und es ist genau diese Liebe, die seitdem unser täglicher Antrieb ist, uns bei Tag & Nacht um dieses kleine hilflose Menschlein zu kümmern.

Wenn ich an Gespräche mit Freunden denke, die ich vor der Geburt geführt habe, muss ich oft laut lachen. Typisch Frau ohne Kinder, predigte ich:

1. Ein Kind gehört nicht ins Elternbett! Fakt ist, Mavie hat bisher keine einzige Nacht vollständig in ihrem Beistellbett geschlafen. Meistens sogar keine einzige Sekunde.

2. Man darf die Kleinen nicht zu sehr verwöhnen! Fakt ist, nach dem Waschen föhne ich Mavie mit dem warmen Föhn trocken (sie liiiiiiiiiiiiiiiiiebt es) und wenn sie Abends nicht in den Schlaf findet, kämme ich ihr stundenlang mit der kuschelweichen Babybürste ihren Kopf.

3. Man muss seinen Rhythmus beibehalten! LOL – welcher Rhythmus? 🙂 An manchen Tagen habe ich Mittags noch nichts gegessen, noch immer den Pyjama an und hocke vor einem Haufen schmutziger Wäsche, während ich parallel ausgespuckte Milch vom Boden wische, versuche Mavie zu beruhigen und die Windeln zu wechseln.

4. Man muss definitiv Zeit genug haben, seine WhatsApp-Nachrichten zu lesen und zu beantworten! Ich schäme mich heute für jeden negativen Kommentar, wenn Freundinnen – die vor mir Mütter geworden sind – tagelang mit einer Antwort auf sich haben warten lassen. ICH VERSTEHE EUCH JETZT! Es gibt definitiv Kinder, die super pflegeleicht sind, nicht spucken, schreien, regelmäßig schlafen, usw. Aber das ist die Ausnahme. An alle, die heute noch auf Antworten warten: bitte nehmt es mir nicht übel; die Zeit reicht einfach an den meisten Tagen nicht einmal, um in Ruhe zu duschen 🙂

Gestern war das Wetter hier in Österreich am Bodensee das erste Mal seit einer Ewigkeit wieder schön und wir machten uns auf den Weg zum See, um Sonne und frische Luft zu genießen. Zehn Minuten nachdem wir das Haus verlassen hatten, kam ich schon wieder zurück: auf dem linken Arm meine Tochter, die partout nicht im Kinderwagen liegen wollte und dort nur schrie wie am Spieß und mit dem rechten Arm den Kinderwagen schiebend. Zuhause setze ich Mavie in ihre Trage, schnallte sie mir vor die Brust und startete den zweiten – jetzt erfolgreichen – Versuch. Schon nach wenigen Metern schlief meine Kleine wie ein Stein.

Was ich sagen will? Ja, Planung ist das A und O mit einem kleinen Kind. Aber viel wichtiger sind für mich Flexibilität und Gelassenheit, die Dinge so anzunehmen wie sie sind. Ich halte nichts davon, ihr die Nähe zu verwehren, wenn sie diese so dringend benötigt und wenn das bedeutet, dass ich 5x täglich für eine Runde um den Block aufbreche, dann ist das für mich vollkommen in Ordnung. Mittlerweile bin ich clever genug, mir vorher ein Brot zu schmieren und beim Gehen zu essen. Denn in den Momenten habe ich ausnahmsweise die Hände einmal frei und Zeit, mein Brot in Ruhe zu essen und nicht runterzuschlingen 🙂